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Samstag, 27. Juli 2013

Sweet little Sixty - das MG60

Bonn/Koblenz (ww) Möglichkeiten, das auf dem MG42 basierende Einheitsmaschinengewehr MG3 der Bundeswehr zu optimieren oder zu ersetzen, sind derzeit in aller Munde. Was viele Beobachter nicht wissen: Spätestens Anfang 1956, also schon während die Bundeswehr die Neufertigung des MG42 im NATO-Kaliber 7,62 x 51 mm beauftragte, gab es Überlegungen, die Waffe weiter zu verbessern. Diese mündeten in dem Rheinmetall MG60.
Das MG60 von rechts gesehen. Foto: JPW
Anlass genug für den Strategie&Technik-Blogspot, hier die interessante Entwicklung genauer zu betrachten.

Hintergrund
Das MG60 basierte auf einer Entwicklung des MG42-Erfinders Werner Gruner. Dieser hatte als Chefkonstrukteur der Metall- und Lackierwarenfabrik Großfuß in Döbeln ein MG42 (V) auf den Weg gebracht, das später unter dem Kürzel MG45 lief. Sein ehemaliger Chef Johannes Großfuß, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den Westen geflohen war und zudem alle wesentlichen MG42-Patente innehatte, war jetzt als Berater für Rheinmetall tätig. Dort leitete er in Düsseldorf-Derendorf die MG-Fertigung und dürfte auch wesentlich an der Entwicklung des MG60 beteiligt gewesen sein.

Wie schon während des Zweiten Weltkriegs waren bei der Wiederbewaffnung wesentliche Motive für die MG42-Verbesserungsarbeiten eine weiter vereinfachte und materialsparende Fertigung, aber auch eine einfachere Bedienung.

Technik
Im Vergleich zum MG3 fallen beim MG60 sofort die kompakteren Ausmaße auf. Das MG60 fällt mit 1 115 mm Länge und 8 600 Gramm Gesamtgewicht deutlich kompakter und leichter aus als das MG3. Die Kadenz des MG60 lag bei 800 – 1 000 Schuss/Minute, und damit deutlich unter der des MG42 (1500 Schuss/Minute) und des MG3 (1200 Schuss/Minute).
MG60 mit angeklapptem Zweibein, linke Waffenseite. Foto: JPW
Technisch gesehen ist das MG60 ein direkter Rückstoßlader mit feststehendem (statt beweglichem) Rohr und halbstarrer Verriegelung mit Stützrollenverschluss. Das MG60 braucht keinen Rückstoßverstärker; der Mündungsfeuerdämpfer bildet einen Bestandteil des Gehäuses.
Blick in das Gehäuse. Foto: JPW
Die Gurtzuführung wiederum gleicht der des MG42. Auch der Deckel lässt sich in „klassischer Weise“ öffnen. Der Spannschieber befindet sich zwar auf der rechten Waffenseite, lässt sich aber nicht an- oder abklappen und steht im 90-Grad-Winkel von der Gehäuseseite ab. Die deutlich kleinere Schließfeder sitzt auf der rechten Seite im Gehäuse. Beide Bauteile lassen sich nach Abnahme der Schulterstütze entnehmen. Der Rollenverschluss hingegen verlässt das Gehäuse nicht nach hinten, sondern nach oben. Das erweist sich als etwas „fummelig“.
Der Verschluss lässt sich nach oben aus dem Gehäuse entnehmen. Foto: JPW
Auch eine Rohrwechselklappe sucht man beim MG60 vergeblich. Vielmehr lässt sich das 500 mm lange Rohr über einen rechts am Gehäuse liegenden Druckknopf und mit einem am Rohr angebrachten Handgriff entnehmen.
Das entriegelte Rohr lässt sich am Handgriff entnehmen. Foto: JPW

Am Griffstück gibt es ebenso massive Abweichungen. So verfügt das MG60 über einen deutlich größeren Abzugsbügel. Statt der Druckknopfsicherung des MG3 hat es einen beidseitig bedienbaren Sicherungshebel.
Das Griffstück im Detail. Foto: JPW


Verlauf des Projektes
Vom MG60 enstanden zwei Prototypen. Der Prototyp 1-001 verfügte über einen Rheinmetall-Verschluss, der Prototyp 2-001 über einen Verschluss der schweizerischen Rüstungsschmiede SIG. Beide durchliefen Erprobungen bei der Wehrtechnischen Dienststelle 91 in Meppen. Letztlich brachten die Versuche aber keine bahnbrechenden Verbesserungen im Vergleich zum MG42. Zudem zeigte auch die Bundeswehr nicht das erhoffte Interesse, die die erheblichen Investitionen in eine Fertigung gerechtfertigt hätten. 1966 stellte man die Arbeiten am MG60 ein. Der Prototyp 1-001 des MG60 lässt sich aber noch heute in der Wehrtechnischen Studiensammlung im BAAINBw in Koblenz bewundern.

Der Prototyp 1-001 des MG60 in der WTS Koblenz. Foto: JPW
Somit bleibt das MG60 eine interessante waffengeschichtliche Episode. Ob sie in der heutigen Zeit wieder Potential hätte, sei dahingestellt. Jedenfalls fällt sie äußerst führig und gut zu bedienen aus und ließe sich sicherlich durch „Picatinny-Rails“ weiter modernisieren.
Das MG3-Nachfolgeprojekt MG5 mit seinem aussichtsreichen Bewerber HK121 von Heckler&Koch sowie die aufsehenerregende Studie „MG3 Kampfwertsteigerung“ von Rheinmetall und der Tactics Group werden wir hier weiter interessiert beobachten. In der September 2013-Ausgabe der VISIER werde ich zudem das MG3KWS-Projekt genauer unter die Lupe nehmen.
Abschließend sei noch als weiterführende Literatur zum Thema MG60 der lesenswerte Aufsatz der Kollegen Elmar Heinz, Rolf Kallmeyer und Peter Dannecker empfohlen: Der ratternde Kohlekasten. In: DWJ Extra 10 „Maschinenwaffen II“, S. 50 ff. Ebenso danke ich Christian Leitzbach (CL-historia) für Einblicke in und Austausch über die Rheinmetall-Unternehmensgeschichte und Rolf Wirtgen und der Wehrtechnischen Studiensammlung für die Unterstützung.

Text und Bilder: Copyright by Jan-P. Weisswange 2013

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