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Samstag, 27. Dezember 2014

Kampfkraftmultiplikatoren gegen Kälte

Moderne Kälte- und Nässeschutzbekleidung hilft, unter extremen Witterungsbedingungen einsatz- und kampfähig zu bleiben. Ein Überblick von Jan-Phillipp Weisswange

Der deutsche Soldat zittert nicht vor Kälte. Er zittert vor Ärger darüber, dass es nicht noch kälter sein kann. Solch markige Sprüche sorgten zwar für kurzfristige Heiterkeit – selbst beim Gefechtsdienst im winterlichen „Hessisch-Sibirien“.
Finnisches M/05-Wintertarnschema (l.) und PenCott Snowdrift in Aktion
(Foto: Michal Dudulewicz/www.scdtv.pl)

Aber nahezu jeder, der sich als Soldat schon weit weniger als arktischen Klimabedingungen ausgesetzt sah, sehnte sich nach modernen Lösungen beispielsweise aus dem Outdoor-Bereich, um Kälte und Nässe zu trotzen und so seine Kampfkraft erhalten zu können.
 
Systemgedanke
Bereits in den 1980er Jahren hielten moderne Textilien wie etwa Gore-Tex-Membranen und das „Zwiebelschalenkonzept“ Einzug in die Streitkräfte. Inzwischen wurde dieses Prinzip, wonach man sich Schicht um Schicht den äußeren Witterungsbedingungen anpasst, noch erweitert. Bekleidung und persönliche Ausrüstung stellen inzwischen sich ergänzende und aufeinander aufbauende modulare Systeme dar. Denn die heutigen Armeen müssen für alle Klimazonen Ausrüstung bereitstellen, in denen ihre Soldaten kämpfen. Und selbst in Mitteleuropa gab es Veränderungen. So sorgt der Klimawandel hierzulande mitunter für extreme Temperaturschwankungen.
Die Bekleidungs- und Trageausstattung des IdZ-ES
(Foto: Ralf-Zwilling via Rheinmetall)
Der Systemgedanke spiegelt sich beispielsweise in den aktuellen deutschen Beschaffungsvorhaben wie der Bekleidungs- Schutz- und Trageausstattung (BST) des Infanterist der Zukunft- Erweitertes System (IdZ-ES) wider. Die von Hexonia hergestellte BST soll den Soldaten dazu befähigen, in einem Temperaturbereich von -32 bis +45°C zu kämpfen. Die Bekleidung ist nach dem Zwiebelschalenprinzip aufgebaut, wobei jede Bekleidungsschicht so konzipiert ist, dass sie entstehende Wärme und Feuchtigkeit vom Körper abführt. Die einzelnen Schichten der Bekleidung „kommunizieren“ miteinander: Was aus einer unteren Schicht nach außen transportiert wird, verbleibt nicht zwischen den Lagen, sondern wird auch hier weiter transportiert.

Höchste Flexibilität
Neben einer flammhemmenden seamless Variante der Unterwäsche vervollständigen zwei Wollunterwäschen für kältere Klimate sowie ein Kälteschutz, eine flammhemmende Fleecejacke und ein untergezogener Nässeschutz das System der Unterbekleidung der BST. Für den Einsatz in heißen Klimaten wird ein Combatshirt beigestellt, dass im Armbereich analog der Kampfjacke ausgeführt ist. Weiterer Teil der Bekleidungsausstattung ist ein übergezogener Nässeschutz als auch ein komplettes Handschuhsystem. Der Kampfanzug weist neben flammhemmenden Eigenschaften zusätzlich Vektorenschutz auf. Doch der System- und Funktionalitätsansatz reicht noch weiter. Michael Fiedler von der Hexonia GmbH: „Unser Bekleidungssystem versteht sich als ein Bestandteil des Soldatensystems IdZ ES, das in einer komplexen Umwelt funktionieren muss. Insbesondere ist die Kompatibilität mit fahrenden und fliegenden Plattformen sowie das Bedienen von Waffen und Geräten unbedingte Voraussetzung. Ergebnis ist ein modulares und flexibles Bekleidungs- Schutz- und Tragesystem, das individuell an die besonderen Bedürfnisse des Soldaten in allen Klimabereichen und für jede Mission angepasst werden kann.“

Nässe- noch vor Kälteschutz
Galten im “Kalten Krieg” noch tiefe Temperaturen als wesentliche Herausforderung für die Bekleidungskonzeptionäre, so rückt inzwischen der Nässeschutz in den Vordergrund. Hinsichtlich der Nässeschutzkonzepte gibt es unterschiedliche Ansätze. Als Beispiel für leichte Überziehlösungen kann der „SmallPac“ der innovativen slowenischen Firma UfPro gelten. Er besteht aus Schlupfjacke und Hose, welche sich durch seitliche Reißverschlüsse schnell an- und ablegen lässt. Jacke und Hose passen jeweils in eine kleine Stautasche, welche sich über PALS-Schlaufen als Oberschenkeltaschen nutzen lassen.
UfPro SmallPac-Nässeschutzanzug in PenCott Greenzone, Woolpower-Rolli, Carinthia HIG-Jacke und Hose (verpackt)
(Foto: Jan-P. Weisswange)
Einen konzeptionell anderen Weg etwa stellt taktische Nässeschutzbekleidung dar, welche ähnlich konfektioniert wie die reguläre Kampfbekleidung ausfällt. In diesem Feld hat beispielsweise Carinthia sein Tactical Rain Garment (TRG) im Programm.
Carinthia Tactical Rain Garment (TRG) in britischem Multi Terrain Pattern
(Foto: Carinthia)
Crye Precision bietet mit seinem „Halfjak“ ein wetterfestes Bekleidungsstück an, welches sich schnell über der taktischen Ausrüstung anlegen lässt und trotzdem noch Zugriff auf selbige erlaubt.
Crye Precision HalfJak (Foto: Jan-P. Weisswange)
Schweissmanagement
Neben atmungsaktiven wasserdichten Membranen sowie schnell trocknenden und hydrophoben Materialien bildet das „Schweissmanagement“ einen entscheidenden Faktor für Kälte- und Nässeschutz.
Wie bereits angedeutet, funktionieren moderne Bekleidungskonzepte im Hinblick auf Feuchtigkeitstransport und Trocknung nur zuverlässig, wenn sich alle Schichten eben funktionell miteinander kombinieren lassen. Sowohl bei Ober- als auch bei Unterbekleidung experimentieren die Hersteller daher mit neuen Materialien. Neben Fasermischungen, die Schweiss und Nässe bei körperlicher Anstrengung vom Leib fernhalten sollen, sollen zunehmend anatomisch vorgeformte Schnitte und Kompressionszonen zur Leistungsfähigkeit beitragen. X-Bionic ist einer der Pioniere im Bereich solcher Hochleistungsunterwäsche, dessen Beispiel inzwischen zahlreiche weitere Hersteller folgen.
Beim BST des IdZ-ES ist das zentrale Element beim Abtransport von Feuchtigkeit und Wärme das Belüftungsshirt Swout („Sweat it out“). Energiebedarf, Laufzeit und Wirkung wurden hier optimal aufeinander abgestimmt. Der Soldat wird auf Basis von Verdunstungskälte im Bereich des Oberkörpers gekühlt und die unter der ballistischen Unterziehweste entstehende Wärme und Feuchtigkeit wird abgeführt. Swout wird auf der Innenseite der Schutzklasse 1-Unterziehweste befestigt und direkt über der Funktionsunterwäsche bzw. des feuerhemmenden Combatshirts des IdZ-ES getragen.

Merinounterwäsche für härteste Einsatzbedingungen
Wolle zeichnet sich neben der flammhemmenden Eigenschaft dadurch aus, dass sie selbst im feuchten Zustand noch wärmt. Pionier auf dem Gebiet der taktischen Merinowolle-Bekleidung ist Woolpower www.woolpower.de . Auch Arcteryx hat ein flammhemmendes Mischgewebe als Unterwäsche im Angebot und setzt dabei ebenfalls unter anderem auf Merinowolle.

Ohne Kenntnisse und Fertigkeiten wie das Anlegen von Behelfsunterkünften im Schnee
nutzt auch die beste Ausrüstung wenig. (Foto: Bundeswehr)
Kernstück von Woolpower ist das Merinowolle-Kunstfasergemisch Ullfrotté Original. Es wurde bereits in den 1970er Jahren zusammen mit dem schwedischen Militär und Survival-Spezialisten entwickelt. Nach wie vor werden alle Woolpower-Artikel in Schweden aus in Deutschland veredelter Merinowolle produziert.
Merinounterwäsche von Woolpower gibt es in drei unterschiedlich schweren Qualitäten für unterschiedlich tiefe Temperaturen: 200g, 400g und 600g. Alle lassen sich hervorragend mit Hardshells (z. B. Gore-Tex), Softshells und anderen Funktionstextilien kombinieren. Aber auch untereinander funktioniert das gut. Stephan Krupke von Scandic, dem deutschen Woolpower-Vertreter: „Nutzt man mehrere Qualitäten nach dem Schichtprinzip miteinander, lässt sich ein Kälteschutz bis ca. -40 °C erreichen.“ Wiederum für gemäßigte Klimazonen ausgelegt zeigt sich die neue LITE-Variante. Hier eignet sie sich selbst bei hohen körperlichen Belastungen als „Base Layer“ –also die auf der Haut getragene Bekleidungsschicht.
Mittlerweile wird Woolpower bei vielen militärischen und polizeilichen Einheiten für ihre Einsätze in der Heimat und im Ausland verwendet. In der Überlebensausstattung aller Luftfahrzeuge der Bundeswehr und in der Kälteschutzausstattung der Spezialkräfte befinden sich ebenfalls verschiedene Woolpower-Bekleidungsstücke.

Hohe Funktionalität
„Die hohe Funktionalität und damit verbundene Beliebtheit von Woolpower unter den Anwendern ist u.a. auf das Mischungsverhältnis zurückzuführen“, so Krupke. „Je nach Stärke besteht es zu 50 bis 80 Prozent Merinowolle aus Patagonien, sowie aus 20 bis 40 Prozent Kunstfasern. Dieser Materialmix kombiniert einen optimalen Schweißtransport bei gleichbleibender Isolierung gegen Kälte. Die Beimischung von hochwertigen Kunstfasern dient dabei der hohen Verschleißfestigkeit und der hohen Elastizität des Gestrickes. Die Frotté-Schlingen auf der Innenseite der 200 g-, 400 g- und 600 g-Versionen schließen bis zu 80 Prozent Luft ein und sorgen dadurch für ein optimales Mikroklima auf der Haut.“
Der hohe Merino-Anteil sorgt für ein sehr angenehmes Tragegefühl, optimalen Schweißtransport, antibakterielle Eigenschaften und minimierte Geruchsbildung. Weitere Vorteile bilden die hohe Verschleißfestigkeit und Lebensdauer, sowie die Waschbarkeit bei 60°-Buntwäsche und Trocknereignung. Woolpower ist weiterhin Ökotex-Standard 100 zertifiziert.
Auch wenn sich bereits die regulären Merinowolle-Produkte durch schwere Entflammbarkeit auszeichnen, gibt es noch eine Fire Resistant (FR)-Version mit zwölf Prozent Aramidanteil (ISO 11612: 2008). Das Produktportfolio umfasst unter anderem T-Shirts, Langarm-Shirts, Unterhosen, Jacken, Socken, Strümpfe. Viele Produkte werden bereits mit Versorgungsnummern geführt. So wurde die lange Version der Woolpower LITE-Wäsche für die von Linderhof-Taktik entwickelte neue „Einsatzkampfbekleidung mit Flammschutz Spezialkräfte“ aus Gore-Pyrad-Gewebe als Unterziehbekleidung ausgewählt.

Isolationswohltat
Gegen Tiefsttemperaturen hilft Bekleidung mit Daunen- oder Kunstfaser-Füllungen. Sie lässt sich für den Transport eng komprimieren und bietet ausgezeichnete Wärmeleistung. Prominente Hersteller im taktischen Bereich sind beispielsweise Arcteryx, Carinthia oder Snugpak.

Carinthia liefert auch die Kälteschutzbekleidung für Spezialkräfte (Foto: Carinthia)
Die Carinthia-Kälteschutzbekleidung gibt es in drei unterschiedlichen Stärken: Low, Medium und High Insulation Garment (LIG, MIG, HIG). Sie zeichnet sich durch G-Loft-Füllungen und Windstopper-Laminat aus. Hieraus resultieren hohe Isolation und Winddichtigkeit bei geringem Gewicht und kleinem Packvolumen. Von der Leistungsfähigkeit der hier beispielhaft erwähnten Carinthia HIG-Bekleidung konnte sich der Verfasser dieser Zeilen schon mehrfach persönlich überzeugen. Über einem Feldanzug sowie Woolpower-Unterwäsche getragen, leistete sie bei stundenlangem zumeist statischem Aufenthalt bei zweistelligen Minusgraden im Freien hervorragende Dienste und sorgte für angenehm warme Temperaturen am Körper.

Weniger ist mehr
„Beim Aufstieg ist jedes Gramm ein Gramm zuviel“, lautet eine weitere Bergsteigerweisheit, die sich auch auf militärische Anwendungen übertragen lässt.
Viele Hersteller forschen konsequenterweise weiterhin in Richtung leichterer Textilien. Erst Anfang 2014 stellten W.L. Gore & Associates  ihr „Light and Fast-Material vor. Es soll bessere und dauerhafte Nässe- und Windschutzeigenschaften bei leichterem Gewicht und körpernahem Tragekomfort bieten. Insbesondere soll die neue Technologie verhindern, dass sich nach körperlicher Anstrengung unter der Membrane Kondensations- und Schwitzwasser stauen, ohne dass dabei zu viel der Schutzfunktion vor äußeren Witterungseinflüssen aufgegeben werden muss. Weitere Vorteile bieten das geringe Packmaß sowie die Schutzeigenschaften gegen Treib- und Betriebsstoffe.
Darüber hinaus gibt es bei der Bekleidung „Lightweight by Design“-Ansätze. Der kanadische Bekleidungsspezialist Arcteryx und andere Hersteller setzen bei dem Entwurf ihrer Monturen teilweise auf einen Materialmix. So kommen beispielsweise an stärker beanspruchten Stellen andere Materialien zum Einsatz, als an solchen Körperpartien, an denen es vor allem auf Atmungsaktivität ankommt.

Tarnschutz
Einen weiteren nicht zu vernachlässigenden Schutz beim Kampf in der Kälte stellt der Tarnschutz dar. Leichte Überzüge in weiss oder diversen Mustern sind nach wie vor weit verbreitet.
Deutsche Gebirgsjäger im alten Schneetarnanzug im Winterkampf
(Foto: Bundeswehr)
Allerdings bieten Hersteller wie JK Defence/Sabre ihre taktische Bekleidung auch in wintertarn an. Ebenso entstanden in den letzten Jahren innovative Muster, etwa Kryptek Yeti oder PenCott Snowdrift. Auf diese Weise lässt sich im Winter der Überraschungseffekt nutzen. Somit muss in dieser Hinsicht wenigstens nur der Gegner zittern.

Dieser Artikel ist eine leicht ergänzte Fassung aus meinem Beitrag in ES&T 12/2014, S. 98 ff. Mein besonderer Dank geht an Armin, Lawrence, Marc, Martijn, Mic, Michal, Richy, Stephan, Thomas und Willem für die Unterstützung.

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