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Dienstag, 14. April 2015

Abkühlung tut Not - ein Zwischenruf zur G36-Debatte

Bonn (ww) Seit einigen Tagen flammt die hitzige Debatte über heißgeschossene G36-Sturmgewehre wieder auf. Dabei wäre ein kühler Kopf angesagt, denn die bisher bekannte Faktenlage ist noch zu undurchsichtig.

Das G36 erhielt am 8. Mai 1995 seine Einführungsgenehmigung - hier gemeinsam mit der P8 vor zeitgenössischer Ausrüstung. Foto: JPW
Für den 17. April ist der offizielle Untersuchungsbericht angekündigt. Ich erhoffe mir davon zunächst konkrete Aussagen darüber, wer wann was mit welchen Testverfahren an welchen Waffen und mit was für Ergebnissen festgestellt hat. Bisher blieben jedenfalls meine Anfragen dazu an das BMVg, den Wehrbeauftragten und an den Bundesrechnungshof vergeblich. Man wies auf die laufenden Untersuchungen hin – und darauf, daß die Berichte eingestuft seien. Also Gründe, die man akzeptieren muss.
Nüchtern betrachtet stellt sich nach meinen derzeitigen Recherchen die Lage wie folgt dar: Es gibt wohl ein in der Heimat durch motivierte Soldaten im Rahmen der Ausbildung entwickeltes Schießverfahren, bei denen bei einigen G36 im heißgeschossenen Zustand unterschiedlich starke Auffälligkeiten hinsichtlich des Treffverhaltens (Streukreiserweiterung und/oder Treffpunktveränderungen) auftreten. Über die Relevanz dieser Erkenntnisse gibt es unterschiedliche Bewertungen. Diese zogen zunächst hinter den Kulissen, dann semiöffentlich immer weitere Kreise und haben in der Folge zu Zerwürfnissen innerhalb des BMVg, dessen nachgeordneten Dienststellen (insbesondere BAAINBw und WTD 91), der Truppe, dem Wehrbeauftragten und dem Hersteller geführt. Dabei ist erstens auffällig, daß die Fronten quer durch alle Institutionen zu verlaufen scheinen und zweitens immer wieder Öl ins Feuer gegossen wird – und zwar aus unterschiedlichsten Motivationslagen heraus. Offensichtlich ist auch versäumt worden, miteinander statt übereinander zu reden und sich der Thematik gemäß des bewährten Dreiklangs „Ansprechen – Beurteilen – Folgern“ anzunehmen. So hat sich eine völlig verfahrene Situation ergeben, die die Truppe verunsichert.
Dies um so mehr als daß es – und das ist die nächste Auffälligkeit – auf Nutzerebene derzeit kaum Klagen über das G36 zu geben scheint. Nun kann ich aus meiner rein persönlichen Sicht lediglich berichten, daß ich seit 1997 diverse G36 nur im Rahmen von Gefechtsübungsschießen in der Heimat „heißgeschossen“ habe. Dabei erbrachten die Waffen die an ein Sturmgewehr erwartbare Treffgenauigkeit. Mannscheiben fielen jedenfalls auch auf mehrere hundert Meter noch. Beim Nahbereichsschießen gab es bei mir nie Probleme. Funktionsstörungen traten bei mir mit scharfer Munition praktisch nie auf. Zwei Mal gab es nach meiner Erinnerung Zuführstörungen, die sich auf schadhafte Magazine zurückführen ließen. Wie sieht es mit den Erfahrungen anderer Nutzer unter der Leserschaft aus? Rückmeldungen gerne an unser elektronisches Postfach. Oder auch den Hersteller einbeziehen – egal ob positives oder negatives Feedback. HK dürfte angesichts der aktuellen Debatte wohl jedem Kommentar aus der G36-Nutzerschaft Aufmerksamkeit schenken. Kontakt übrigens über hkinfoboard@heckler-koch-de.com.
Unabhängig davon gilt es bei der G36-Debatte noch etliche weitere Dimensionen zu betrachten. Man muß sich vor Augen führen, daß es sich um ein Ende der 1980er Jahre konzipiertes und seither von der Bundeswehr nur wenig verbessertes oder gar kampfwertgesteigertes Sturmgewehr handelt. Zudem sind reproduzierbar gute Trefferergebnisse ohnedies schwerer zu erzielen, als reproduzierbar schlechte. Denn es gibt etliche Faktoren, die sich auf die individuelle Trefferleistung auswirken: der Ausbildungsstand, psychische und physische Anstrengung, suboptimaler Anschlag wegen schlechter Anpassbarkeit der Waffe an die individuellen Körpermaße und an die angelegte Gefechtsausrüstung, Mirage („Hitzeflimmern“), verwendete Munition – nur um einige zu nennen. Und schließlich: Wer erwartet, ein 5,56er-Sturmgewehr mit der Präzision eines Zielfernrohrgewehres einsetzen zu können, nachdem er es als leichtes MG verwendet hat, wird zweifelsohne immer enttäuscht sein. Das Sturmgewehr ist zwar Querschnittswaffe, aber bei weitem nicht die einzige, die für den Feuerkampf zur Verfügung steht (oder stehen sollte). Doch das Konzept des „infanteristischen Werkzeugkastens“ wird in der derzeitigen Diskussion immer wieder vernachlässigt.
Die G36-Debatte werde ich mit hohem Interesse weiterverfolgen und auch hier und in den einschlägigen Medien weiter berichten. Eines erscheint aber jetzt schon sicher: Abkühlung tut Not!

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