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Mittwoch, 29. Juni 2016

Kommentar: Kopfsache

Berlin (ww) Am 30. Juni 2011 verließen vorerst letztmalig Grundwehrdienstleistende die Kasernen der Bundeswehr. Hält mit dem Auszug der Wehrpflichtigen demnächst Professionalität in den deutschen Streitkräften Einzug? Sicher erscheint zunächst eines: Das oft gehörte Argument, wonach die Einsatzarmee durch Ausbildung und Ausrüstung von militärisch nicht sinnvoll einzusetzenden Grundwehrdienstleistenden personell, strukturell und finanziell belastet“ sei, entfällt als Ausrede für ihre vermeintlich mangelnde Professionalität.
Fallschirmjäger des Fallschirmjägerregiments 31 bei einer Evakuierungsübung. Foto: Bundeswehr/Jane Schmidt
Professionalität ist vor allem Kopfsache. Da die Bundeswehr von heute nicht mehr bloß im Einsatz, sondern im Gefecht steht, definiert sich soldatische Professionalität vor allem durch die Fähigkeit zu kämpfen. Im Gefecht besteht nur, wer über Einsatz- bzw. Kampfbereitschaft verfügt („Combat Mindset“). Dies erfordert zweifellos auch bei manchem Zeit- und Berufssoldaten eine Rückbesinnung respektive eine Neuorientierung.
Professionelle Streitkräfte benötigen kluge Köpfe. Der „Kampf um die besten Köpfe“ hat bereits begonnen. Ob die Bundeswehr für diesen nach Verzicht auf die „Schaufensterfunktion“ der Wehrpflicht gut gerüstet ist, wird sich angesichts ihres Spagates zwischen fordernden und gefahrvollen Einsätzen auf der einen und Reduzierungen, Umstrukturierungen und Einsparungen auf der anderen Seite erst noch zeigen müssen.
Die Begabung, Menschen zu führen, auszubilden und zu erziehen ist ein Kampfkraft- und damit Professionalitätsmultiplikator. Ob eine an Kadettencorps ausgerichtete Offizier- und Feldwebelausbildung hierfür förderlich ist oder ob die erste Prägung und Erziehung der angehenden Führer und Unterführer nicht besser in der Einheit und im Verband erfolgen sollte, bleibt abzuwägen. Definitiv abträglich für Führung, Ausbildung und Erziehung sind ein hohes Maß an Bürokratisierung, Absicherungsdenken und Verwaltungsaufwand, was unterdessen selbst die Soldaten in den Einsätzen beklagen.
Die derzeit heranwachsende kampferfahrene Offizier- und Unteroffiziergeneration wird die künftige Gestalt der Bundeswehr verändern. Geboten scheint dabei eine Rückbesinnung auf die Innere Führung: „Die Innere Führung ist die Aufgabe aller militärischen Vorgesetzten, Staatsbürger zu Soldaten zu erziehen, die bereit und willens sind, Freiheit und Recht des deutschen Volkes und seiner Verbündeten im Kampf mit der Waffe oder in der geistigen Auseinandersetzung zu verteidigen.“ (Ulrich de Maizière). Die heutigen Protagonisten der Inneren Führung auf militärischer und politischer Seite verstehen sie in erster Linie als Schutzinstanz gegen Schikane. Ihre Gegner – zumeist solche, die gerne kernige Troupiers wären, – verspotten sie als „Menschenführung 2000“ und sehen in ihr die Hauptursache für Verweichlichung und mangelnde militärische Professionalität. Es bleibt zu hoffen, dass die wertvolle Philosophie, den mündigen Staatsbürger zur militärischen und intellektuellen Verteidigung unserer Werte zu erziehen, wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird.
Der Kampf um die Köpfe, erst recht aber der Kampf in den Köpfen lässt sich nur gewinnen, wenn der Fisch nicht bereits vom Kopf her stinkt. Dass sich die neue Generation von Staatsbürgern in Uniform, die bereits kampferfahrene „Generation Einsatz“, von militärischer sowie politischer Führung und Parlament teilweise nicht vertreten, vielleicht nicht einmal verstanden fühlt, gibt Anlass zur Sorge um den Zustand der „Parlamentsarmee“. Zwar stellt sich die derzeit populärste Politikerin als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt im Frieden vor ihre Truppe, aber zugleich sind die deutschen Streitkräfte gezwungen, ihre Kopfstärke zu reduzieren und voraussichtlich auch einige ihrer Fähigkeiten aufzugeben.
Um den Kopf aus dieser Schlinge ziehen zu können, sind vor allem Regierung und Parlament gefordert, Führungsverantwortung zu zeigen – beispielsweise durch eine breite gesellschaftliche und jenseits des Afghanistan-Einsatzes geführte sicherheitspolitische Debatte, durch eine aufgabengerechte Ausstattung der Bundeswehr mit Finanzmitteln oder eine nachhaltige Sicherheitsvorsorge auf der Grundlage einer starken aufwuchsfähigen Reserve. Unprofessionelle sicherheitspolitische Kurzsichtigkeit birgt jedenfalls die Gefahr, dass plötzliche Unwägbarkeiten uns eines Tages Kopfschmerzen bereiten.
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Dieser Kommentar erschien im Februar 2011 in der „Strategie&Technik“ – lediglich der erste Satz wurde verändert und das Geschlecht des IBuK angepasst. Aus meiner Sicht hat der fünf Jahre alte Zwischenruf kaum an Aktualität eingebüßt. 
Ich komme in meiner Analyse deutscher Sicherheitspolitik, die ich ab übermorgen (1. Juli) seit 25 Jahren als Soldat, Sicherheitspolitiker und Schreiberling miterlebe, zu einem ernüchternden Ergebnis: Jahrzehntelange Vernachlässigung hat dieses wichtige Betätigungsfeld zu einer Alimentierungsveranstaltung für eine kleine Clique von Worthülsenschiebern und deutlich besser honorierten Beratungsprofiteuren gemacht, an deren Rande sich ab und zu noch einige wenige Idealisten als Stichwortgeber oder Pausenclowns tummeln dürfen.
Jan-Phillipp Weisswange

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