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Freitag, 2. Dezember 2016

Big Bang im Fokus - Polizeitrainer-Seminar über Kampf gegen militärisch organisierte Kleingruppen

Wiesbaden (ww) Paris, Brüssel, Nizza – das Wesen terroristischer Bedrohungslagen hat sich massiv erweitert. Europol erwartet in einem jüngst veröffentlichten Bericht „Changes in Modus Operandi of Islamic tate (IS) revisited“ weitere Angriffe, zumal der „Islamische Staat“ (IS) durch die US-geführte „Koalition der Willigen“ im Irak und Syrien zurückgedrängt werde und Kämpfer nach Europa fliehen würden. Auch die Sicherheitsbehörden in Deutschland stellen sich auf einen „Big Bang“ ein – einen terroristischen Angriff, der auf hohe Opferzahlen in kurzer Zeit zielt.
Kämpfer des "Islamischen Staates". Quelle: Screenshot
Ähnlich wie bei einer Amoklage auch, fällt den ersten Einsatzkräften vor Ort als „First Responder“ eine Schlüsselrolle zu. Sie müssen die Angreifer lokalisieren, isolieren und – ggf. bereits vor Eintreffen von Spezialkräften – schließlich neutralisieren. Dennoch gibt es erhebliche Unterschiede beim taktischen Vorgehen. Grund genug also für den Verein „Polizeitrainer in Deutschland e. V. (PiD) sich des Themas anzunehmen. Rund 90 Kolleginnen und Kollegen  konnte das Team um „Ecko“ Niebergall Anfang November 2016 im Taunus zum PiD-Fachseminar „Kampf gegen militärisch organisierte Kleingruppen“ begrüßen.

Verschiedene Impulsvorträge leiteten in die Thematik ein.
Bernd „Poko“ Pokojewski wies in seiner Einführung auf die professionelle Vernetzung terroristischer Strukturen wie IS und Al-Quaida hin. Eine wichtige Rolle nehmen die sozialen Medien ein, über die Propaganda aber auch Ausbildungsmaterial verbreitet werde und die zur Rekrutierung genutzt werden. Zudem sei es für die Sicherheitsbehörden schwierig, Netzwerke rechtzeitig aufzudecken. So umfasste das französisch-belgische Netzwerk, welches die Anschläge am 13.11.2015 in Paris und den Bombenanschlag auf den Brüsseler Flughafen durchführte, mindestens 40 bis 50 Personen. Neben Anschlägen durch „Lone-Wolf“-Täter und vernetzten Gruppen sei als eine weitere Dimension die gezielte Ausspähung und Angriffe auf Sicherheitskräfte zum Bedrohungsspektrum dazugekommen.
Im Hinblick auf neue terroristische Bedrohungslagen entstehen zwar spezialisierte Einheiten - etwa die BFE+ der Bundesbereitschaftspolizei. Es kommt jedoch bereits auf die ersten Kräfte vor Ort an (Foto: BMI)

Ralph Schmidt widmete sich vor allem der Taktik und den Folgerungen für das Einsatztraining. Zunächst zeigte er anhand einschlägiger Propagandavideos auf, wie sich das Gegenüber aus- und fortbildet. Im Gegensatz zu Amoktätern müsse man mit einem geplanten, komplexen und militärischen Vorgehen des sehr gut vernetzten Gegenübers rechnen. Man dürfe zwar den Gegner nicht unterschätzen, müsse ihn aber auch nicht als unbesiegbar ansehen. Umso mehr komme es auf Entschlossenheit an. Absolutes Neuland betrete man auch bei der Taktik nicht – gerade der Blick in ältere Vorschriften gebe wertvolle Hinweise.

Oberst a. D. Gerhard Bahr stellte die rechtlichen Rahmenbedingungen (v. a. Art. 35 GG) und die Fähigkeiten der Bundeswehr dar, im Falle eines Großschadensereignisses Polizei und Hilfsorganisationen Unterstützung zu leisten. Insbesondere Feldjäger und Sanitätskräfte sowie auch ABC-Abwehr, Lufttransport, und Spezialkräfte hätten einen hohen Einsatzwert. Er empfahl, mit den Bundeswehrkräften im eigenen Einsatzgebiet Verbindung aufzunehmen und zu halten. Neben den eigentlichen Truppenteilen verfügt die Bundeswehr über eine Territorialorganisation mit Landeskommandos (eines pro Bundesland) sowie meist aus Reservisten bestehende Verbindungskommandos auf Bezirks- und Kreisebene. Dazu kommen noch die Regionalen Sicherungs und Unterstützungskräfte (RSU-Kompanien), ebenfalls aus Reservisten bestehend.

In den letzten Jahren haben Mini- und Microdrohnen erhebliche Verbreitung gefunden und können auch aus polizeilicher Sicht eine Bedrohung darstellen. Christian Gieselmann von der Firma Insensiv stellte diverse Möglichkeiten der Drohnenabwehr vor, darunter den String-Shot-Launcher, der auf einem Paintball-Markierer basiert. Umgekehrt lassen sich Drohnen auch zur Überwachung einsetzen. Als Beispiel zeigte Insensiv seinen POD-Copter, der über ein energieführendes Kabel mit einer mobilen Station verbunden ist und somit auch längere Einsätze absolvieren kann.
Die B&T USW im scharfen Schuss (Archiv-Foto)
Ralph Wilhelm von dem schweizerischen Waffenhersteller B&T aus Thun setzte sich mit der Frage der Bewaffnung auseinander. Gerade mit Blick auf die Langwaffe gibt es durchaus verschiedene Ansätze, von denen einige derzeit bereits in Bund und Ländern umgesetzt werden.  Grundsätzlich empfahl Wilhelm eine Waffe mit einer Schulterstütze und einer Rotpunkt-Optik. Dies würde gerade in angespannten Lagen die Treffsicherheit selbst auf größere Distanzen erhöhen. Zudem wäre ein Kaliber mit ballistischen Leistungsreserven  nötig, da die Täter ballistische Schutzausrüstung nutzen könnten. Ralph stellte natürlich auch einige der innovativen Produkte aus seinem Hause vor, wie etwa den APC300 im Kaliber .300 Whisper oder die dienstpistolengroße Universal Service Weapon (USW) mit klappbarer Schulterstütze und Aimpoint-Rotpunktvisier.
Der Autor während seines Vortrags (Foto: PiD)
Auch der Verfasser dieses Artikels hatte die Ehre, über Aspekte der Führungs- und Einsatzmittel vorzutragen. Er tat dies aus der Sicht des militärischen Taktikers (Oberstleutnant d. R. Heeresaufklärungstruppe)  und des Fachjournalisten mit Schwerpunkt Streit- und Sicherheitskräfte. Um „vor die Lage zu kommen“ komme es vor allem auf das richtige „Mindset“ der Einsatzkräfte, eine entschlossene und straffe Führung sowie eine stetige Verdichtung des Lagebildes an. So könne man dem Gegenüber die Initiative abringen. Ausrüstung wie zweckmäßig konfigurierte Langwaffen, modular anpassbare ballistische Schutzausrüstung, diverse geschützte und ungeschützte Fahrzeuge oder moderne medizinische Erstversorgungsausstattung bilden wertvolle materielle Ergänzungen. Grundsätzlich müsse aber die Taktik die Technik bestimmen.

Geschützte Sonderfahrzeuge standen schließlich im Fokus des Spezialfahrzeugbauers Friederichs. So gab der Chef des Frankfurter Traditionsbetriebes, Henrik Schepler, einen umfassenden Überblick über die Möglichkeiten, Fahrzeuge unauffällig und dabei hochwirksam zu schützen.
Geschütztes Fahrzeug der Firma Friederichs. (Foto: JPW)
Der zweite Teil des Seminars  war dann durch praktische Arbeit geprägt. In verschiedenen Workshops stellten sich die Teilnehmer diversen Szenarien und erarbeiteten taktische Lösungsvorschläge. Eine kleine Industrieausstellung rundete die Veranstaltung ab.

Der PiD e. V. wird die Thematik selbstverständlich weiter vertiefen. So steht der „Big Bang“ als ein Aspekt der Europäischen Polizeitrainer Fachkonferenz am 1. und 2. März 2017 in Nürnberg im Fokus. 

Jan-Phillipp Weisswange

P.S.: Gerne halte ich meinen Vortrag „Kampf gegen militärische Kleingruppen – Apekte der Taktik und Technik“ auch bei Ihrer Dienststelle. Anfragen und Auskünfte zu den Konditionen über das elektronische Postfach.

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