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Sonntag, 20. Oktober 2013

Vom Mit- zum wenig geachteten Mutbürger in Uniform?

Strausberg (ww) Die veränderte Rolle der Bundeswehr in der Gesellschaft der Bundesrepublik analysierte der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Bruno Kasdorf, anfang September in der „Süddeutschen Zeitung“.
Gelöbnis in der Berliner Bundestags-Betonwüste (2013). Zumindest in Sonntagsreden werden die Begriffe "Innere Führung" und "Parlamentsarmee" noch betont. Foto: Bundeswehr

Dieser lesenswerte Artikel ist jetzt auch noch einmal auf der Internetseite des deutschen Heeres erschienen. Im Sinne eines gemeinsamen Wirkens für die noch immer ausgebliebene breit angelegte gesellschaftliche sicherheitspolitische Debatte zitiert der S&T-Blog ihn hier in voller Länge.




Verantwortung ist angesagt – Namensartikel von Generalleutnant Bruno Kasdorf, erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 5. September 2013
Generalleutnant Bruno Kasdorf, Inspekteur des Heeres. Foto: PIZ Heer

Wir leben in einer gefährlichen Welt. An die Stelle der Berechenbarkeit des Kalten Krieges sind neue Unwägbarkeiten getreten. Veränderungsprozesse sind heute häufig weltumspannender Natur; Deutschlands Sicherheit ist nicht mehr geografisch zu begrenzen. Die deutsche Sicherheitspolitik ist eine Politik gegen diese Unsicherheiten, die Bundeswehr ist integraler Bestandteil der staatlichen Risikovorsorge. So weit, so gut, sollte man meinen.

Doch da gibt es die andere Seite. Da soll die Bundeswehr auf Ausbildungsmessen nicht mehr um Nachwuchs werben dürfen. Schulen lehnen den Besuch von Jugendoffizieren ab, an einigen Universitäten in Deutschland verhindern Zivilklauseln jede Beteiligung der Bundeswehr an Forschung und Lehre. Am Mittwochabend [4. September, Anm. d. R.] hat die ARD einen Film über den Nato-Luftangriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen gezeigt, genau vier Jahre nach dem tragischen Ereignis. Wie es moralisch zu bewerten ist, stand für die Sendeverantwortlichen offenbar fest, sie gaben dem Dokudrama den Titel: „Eine mörderische Entscheidung“. Mord – das heißt: Menschen aus niederen Beweggründen zu töten.
In Deutschland herrscht, anders als in den meisten anderen europäischen Ländern, eine pazifistische Grundhaltung. Sie ist aus der Geschichte heraus verständlich. Doch die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft müssen sich fragen lassen, wie es künftig um die Sicherheitsvorsorge und die Rolle des Militärs bestellt sein soll, wenn klar ist, dass Wohlstand und Entwicklung gerade in Deutschland in besonderem Maße von außen-, europa- und bündnispolitischer Stabilität abhängen.

Bundespräsident Joachim Gauck hat anlässlich des feierlichen Gelöbnisses der Bundeswehr in Berlin am 20. Juli gesagt: „Frieden und Menschenrechte nicht einfach nur als gegeben anzusehen, sondern zu bewahren und, wo nötig, zu verteidigen, dafür steht – auch – unsere Bundeswehr.“ Die Botschaft scheint nicht überall angekommen zu sein. Die Soldatinnen und Soldaten sind nicht aus Willkür in vielen Ländern im Einsatz. Sie sind es im Auftrag der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages und damit des deutschen Volkes. Sie tun dies im Auftrag des Friedens und für unser Land.

Das klare Bekenntnis dieses Landes zur Bundeswehr bleibt aber im Gegenzug oft aus. Darüber kann auch das Schulterklopfen nach der Flut nicht hinweghelfen. Die meisten Bürger verstehen sich nach dem Aussetzen der Wehrpflicht nicht länger als Mit-Verteidiger ihres Landes, sie erwarten vielmehr von der Bundeswehr die Dienstleistung „Sicherheit“ – wofür zahlt man schließlich Steuern? Sie vertrauen darauf, dass dieses komplexe Ziel im Konsens aller staatlichen Akteure verfolgt wird. Doch das Verhältnis staatlich legitimierter und finanzierter Einrichtungen untereinander ist gestört, wenn Schulen oder Universitäten nichts mehr mit der Bundeswehr zu tun haben wollen.

Dahinter stehen ein verqueres Demokratieverständnis und letztlich utopisch naive Vorstellungen von dem, was westliche Staaten im Zeitalter der Globalisierung außen- und sicherheitspolitisch handlungsfähig macht. Um nicht missverstanden zu werden: Deutschland hat aus guten Gründen eine Kultur der militärischen Zurückhaltung entwickelt.

Das darf aber nicht dazu führen, dass die Bundesrepublik ihrer Verantwortung nicht gerecht wird. Wer die Bundeswehr an staatlichen Bildungseinrichtungen oder bei öffentlichen Ausstellungen ausgrenzt, verkennt, dass es eine Verantwortung der gesamten Gesellschaft gibt, für den Dienst in der Bundeswehr die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Er grenzt damit die Soldatinnen und Soldaten aus, deren Partner und Familien. Das ist moralisch wenig überzeugend, wenn man bedenkt, dass diese Soldaten bereit sind, ihr Leben für unser Land einzusetzen.

Es hat zudem Auswirkung auf die Fähigkeit der Bundeswehr, als Teil dieser Gesellschaft für diese Gesellschaft zu handeln. So wie es zur politischen Verantwortung gehört, die Bundeswehr für den Einsatz mit dem Besten auszustatten, was eine Hochtechnologienation wie Deutschland aufbieten kann, so muss die Bundeswehr auch faire Chancen im Wettstreit um den besten Nachwuchs haben.

Es ist ohnehin schwieriger geworden, Verständnis für die Bundeswehr zu wecken. Die Soldaten in den Auslandseinsätzen sind oft viel weiter von der Lebens- und Erfahrungswelt der Bevölkerung entfernt als früher. Die meisten Deutschen kennen die Einsatzrealität und den militärischen Alltag weitgehend über die Berichterstattung in den Medien und nur noch selten aus persönlicher Betroffenheit. Darauf gilt es sich einzustellen.

Als „Mutbürger in Uniform“, wie Bundespräsident Gauck sie genannt hat, haben unsere Soldaten einen besonderen Beruf. Sie sollen Beschützer und Kämpfer sein, Katastrophen und Aufbauhelfer, Ausbilder und Berater, Diplomaten. Ihr Beruf kann verlangen, das eigene Leben einzusetzen, Menschen zu töten und den Tod von Kameraden zu ertragen. Wir können künftige Einsätze nur schwer vorhersehen; wir werden künftig nur über begrenzte Personalressourcen verfügen. Da ist es unabdingbar, dass unsere Frauen und Männer das gesamte Spektrum ihrer möglichen Aufgaben beherrschen, dass sie auf alles vorbereitet sind, was ihr Dienst mit sich bringen kann.

Die neue Struktur der Bundeswehr schafft dafür die Voraussetzungen. Das Bildungs- und Ausbildungsniveau unseres Nachwuchses ist unverändert hoch; es entspricht den Anforderungen moderner Streitkräfte. Fast 94 Prozent der Soldaten verfügen über eine abgeschlossene Schulausbildung, 70 Prozent über mindestens die mittlere Reife. Gegen alle Unkenrufe: Gegenwärtig gewinnen wir im Heer genügend Nachwuchs für die Laufbahnen der Offiziere und Unteroffiziere, auch für die Mannschaftslaufbahn.

Doch die Nachwuchsfrage ist in den nächsten Jahren eine unserer wichtigsten Herausforderungen. Die Neuausrichtung der Bundeswehr kann sich daher nicht auf eine rein interne Dimension beschränken. Wir brauchen die Unterstützung von allen Seiten. Es geht nicht nur darum, wie unsere Soldaten ausgebildet und ausgerüstet sein müssen. Es geht auch darum, wie sie in unserer Gesellschaft wahrgenommen werden. Wir erwarten dabei vor allem Unvoreingenommenheit und Respekt. Wir müssen uns als Bundeswehr und Arbeitgeber in den gesellschaftlichen Dialog gleichberechtigt einbringen können. Wir treten für die Sicherheit unseres Landes und den Schutz unserer Bürger ein, das ist ein ehrenvoller Dienst an unserer Gesellschaft. Die Diskussion darüber wollen wir nicht nur anderen überlassen.

Dieser Beitrag wurde am 5. September 2013 in der Süddeutschen Zeitung erstveröffentlicht.
Quelle: www.deutschesheer.de



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Soweit der Inspekteur des Heeres. Eine Bemerkung sei aber noch gestattet: Liebe Referenten-Kameraden, wann werden die Grundsatzartikel und –vorträge aus dem BMVg nicht mehr mit der bahnbrechenden Erkenntnis eingeleitet, wonach der „Kalte Krieg“ vorbei sei? Das hat sich inzwischen selbst hierzulande herumgesprochen und selbst die jüngeren Offiziere und Unteroffiziere kennen die deutsche Teilung nicht einmal mehr aus eigenem Erleben. Und auch die „post-cold-war-era“ ist seit über zehn Jahren vorbei. Ansonsten: Chapeau!

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