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Donnerstag, 9. August 2012

Kampfkräftiger Klassiker: 70 Jahre MG42

Vor 70 Jahren kam das MG42 in die Truppe. Seither bewährt sich das deutsche Einheitsmaschinengewehr weltweit im Einsatz.
Mit dem MG42/59 Ende der 1950er Jahre im Manöver. Foto: Dr. Volker Weisswange 

Wohl kaum eine andere aktuell von der Bundeswehr eingesetzte Waffe genießt einen ähnlichen "Kultstatus" wie das MG3. Es basiert auf dem 1942 in die deutschen Streitkräfte eingeführten MG42. Und auch dessen Ursprünge liegen schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg. 

 
Einheitsmaschinengewehr
Basierend auf den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges entstand in Deutschland die Idee eines Einheitsmaschinengewehrs, das sich als leichtes MG in der Infanteriegruppe, als schweres MG auf Lafette, zur Fliegerabwehr und als Fahrzeug-, Flugzeug oder Festungsbewaffnung einsetzen ließ. 1932 begann die Entwicklung einer solchen Waffe, die zwei Jahre später im MG34 endete.

MG34. Foto: Archiv


Das MG34, ein zuschießenden Rückstoßlader mit Drehkopfverschluss und Metallgurtzuführung im Kaliber 7,92 x 57 mm, hatte seine Wurzeln in Entwicklungen der Mauser-Werke in Oberndorf und von Rheinmetall in Sömmerda, die schließlich der Rheinmetall-Oberingenieur Louis Stange (1888 - 1971) zum MG 34 vereinte. Obwohl sich die Waffe als fortschrittlich, effektiv und bedienungsfreundlich erwies, sorgten vor allem die engen Fertigungstoleranzen, die in extremen Gefechtsfeld- und Klimabedingungen Störungen nach sich ziehen konnten, für Kritik – Waffenjournalisten-Kollegen bezeichnen es zu Recht als „Büchsenmacher-MG“.
Dazu kamen hohe Rohmaterial- und Fertigungskosten. Aufgrund der Erfahrungen mit mangelnden Rohstoffen im Ersten Weltkrieg verlangten die Beschaffungsbehörden eine materialsparende Variante. Als Schlüssel zum Erfolg erwiesen sich Blechprägeteile, und so kam das nachfolgende MG von keinem klassischen Waffenhersteller, sondern aus der Metall- und Lackierwarenfabrik Paul Kurt Johannes Großfuß im sächsischen Döbeln.

Von der ehemaligen Metall- und Lackierwarenfabrik Paul Kurt Johannes Großfuß ist heute in der Eichbergstraße 10-13 in Döbeln noch der Rotuna-Bau zu sehen. Foto: Archiv

Hier arbeiteten der Chef-Konstrukteur, der ungediente Dr. Ing. Werner Gruner (1904 -1995), Ingenieur Kurt Horn und Hans Joachim Kaltmann an der neuen Waffe. Sie legten zunächst ein MG39 vor, das sich in Tests gegen Konkurrenzprodukte von Rheinmetall Borsig und der Erfurter Firma Stübgen durchsetzte. Auf dieser Grundlage folgte dann ein MG39/41, aus dem schließlich das MG42 entstand. Verschiedene Rüstungsbetriebe fertigten die Waffe, von der rund 400 000 Stück bis zum Kriegsende in die Truppe kamen. Dort erwiesen sie sich an allen Fronten als äußerst robust, störunanfällig, gut zu bedienen, wirkungsvoll und jeglichen anderen Maschinengewehren überlegen. Gruner entwickelte noch eine verbesserte Version MG42V und ein MG45. Letzteres diente in den 1960er Jahren als Ausgangsbasis für die von der Bundeswehr nicht weiter verfolgte Rheinmetall-Entwicklung MG60.
Vom MG42 zum MG3
Die Stempelung dieser Waffe verrät ihre bewegte Geschichte vom MG42 über das MG1 zum MG3.
Foto: Dr. Jan-P. Weisswange
Mit Beginn des „Kalten Krieges“ beschafften Bundesgrenzschutz (BGS) und Bundeswehr die im Zweiten Weltkrieg bei den Gegnern gefürchtete Waffe. Der BGS erhielt 1951 zunächst MG42 aus der Weltkriegsproduktion von Rheinmetall Borsig. Dennoch führte an einer neuen Serienfertigung kein Weg vorbei, da die Waffe künftig das NATO-Standardkaliber 7,62 x 51 mm verschießen sollte.


Johannes Großfuß, den Inhaber der wesentlichen MG42-Patente, hatte es nach dem Krieg und sowjetischer Gefangenschaft nach Wiesbaden verschlagen. Rheinmetall-Vorstand Erich Mez überzeugte ihn zu einer Kooperation mit dem Düsseldorfer Unternehmen, das ab 1957 im Stadtteil Derendorf die Serienfertigung des MG42 wieder aufnahm.  Unter Leitung Großfuß’ lieferte Rheinmetall zunächst ein MG42/58 und – nach Detailänderungen – eine als MG 42/59 bezeichnete Neufertigung in 7,62 x 51 mm aus. Ende 1960 erhielten diese Waffen die Bezeichnung MG1. Darüber hinaus brachten in die Bundeswehr übergetretene Grenzschützer MG42 im Originalkaliber 7,92 x 57 mm mit. Alte, durch die Rheinmetall-Tochtergesellschaft Hessische Industriewerke Wetzlar (hiw) überarbeitete und auf das NATO-Standardkaliber aptierte Weltkriegswaffen taten zunächst als MG2 Dienst. Das u. a. durch einen neuen Rückstoßverstärker verbesserte MG1A3 konnte neben den 50-Schuß-Gurten des Typs DM1 auch die US-Zerfallgurte M13 und deren deutsche Version DM60 nutzen. Es bildete die Basis für das noch weiter verbesserte und bis heute genutzte MG3, das ab 1966 eingeführt wurde. Ältere Versionen erhielten nachträglich ebenfalls eine Aufwertung zum MG3. Rheinmetall produzierte zwischen 1966 und 1977 für die Bundeswehr rund 139 000 Stück. Die Produktionsstraßen gingen dann zur spanischen Santa Barbara Sistemas, wobei auch dort die Fertigung längst eingestellt wurde.
Von der überlegenen Feuerkraft des MG3 und anderer MG42-Varianten zeigten sich darüber hinaus viele Streitkräfte weiterer Länder überzeugt und beschafften es ebenfalls oder bauten es in Lizenz. Unter den Nutzerstaaten befinden sich Dänemark, Estland, Griechenland, Italien, Iran, Norwegen, Österreich, Pakistan, Portugal, Spanien und die Türkei. Der türkische Konzern MKE sowie die Pakistan Ordnance Factory produzieren die Waffe bis heute.
Österreichisches Jagdkommando mit MG74 - der von Steyr-Mannlicher produzierten Nachkriegsvariante des MG42 - im Tschad-Einsatz. Die Waffe trägt Rotpunktvisier und Dreifach-Vergrößerungsglas von Aimpoint.
Foto: Bundesheer

Technik
Das MG3 ist – wie sein Ursprungsmodell – ein zuschießender, starr verriegelnder Rückstoßlader mit beweglichem Rohr und Rollenverschluss. Im Vergleich zum MG42 kommt es durch die Verwendung eines in Details veränderten und schwereren Verschlusses auf eine Kadenz von 1 200 Schuss statt  1 500 Schuss/Minute. Auf Lafette beträgt die effektive Reichweite 1 200 Meter, sonst 600 Meter. Mit rund 12 Kilo Gesamtgewicht und einer Länge von 1 220 mm lässt es sich von einem Schützen (dem „MG1“) problemlos führen. Eine robustere „MG-Statur“ erweist sich zweifellos als vorteilhaft, da man mehr Masse hinter die Waffe bringen kann und sie im Feuerstoß besser beherrscht. Ein zweiter Mann kann als „Ladeschütze“ (auch „MG2“ genannt) fungieren. Die Munitionszuführung erfolgt von links über Metallgurte, die in 50-Schuss-Gurttrommeln oder 250-Schuss-Gurtkästen (DM2) untergebracht werden können. Ebenso lässt sich auf der linken Seite des Gehäuses der Patronenkasten DM40004 aus Plastik anbringen, der 120 Schuss-Zerfallgurte DM60 aufnimmt. Das MG3 wirft die Hülsen nach unten aus.

Schnittbild des MG3. Grafik: Rheinmetall



Maschinengewehr MG3
Einsatzzweck
Einheitsmaschinengewehr
Funktionsprinzip
Rückstoßlader mit beweglichem Rohr und Rollenverschluss
Kaliber
7,62 x 51 mm
Kampfentfernung
600 m; lafettiert bis 1 200 m
Munitions-
zuführung
Gurt
Feuerarten
Dauerfeuer
Kadenz
1 200 Schuss/Minute
Mündungs-
geschwindigkeit;
Mündungsenergie
820 m/sec; 3 000 Joule
Visierung
mechanische Schiebevisierung;
Flugabwehrvisier
Rohrlänge (mm)
565; 4 Züge, Rechtsdrall (auch Polygon-Laufprofile)
Länge (mm)
1 225
Gewicht (g)
11 500


Der Wechsel des 535 mm langen Rohres erfolgt über die an der rechten Gehäuseseite angebrachte Rohrwechselklappe. Dies sollte nach 150 Schuss Gefechts- oder 100 Schuss Übungsmunition geschehen, sofern sie ohne längere Pause abgegeben wurden. Der Verschluss soll nach 1 000 Schuss gewechselt werden.

Bundeswehr-Fallschirmjäger mit MG3 auf Erdziellafette im ISAF-Einsatz.
Foto: PIZ EinsFüKdoBw
Das äußerst zuverlässige und in der Truppe beliebte MG3 dient in der Bundeswehr bis heute als Universal-MG und kommt als Schwerpunktwaffe der Schützengruppe auf Zweibein, auf Erdziellafette, als Fliegerabwehr-MG auf Dreibein oder Drehringlafetten sowie als Koaxial-MG in Panzern (hier als MG3A1 ohne Zweibein, Trageriemen Fliegerabwehr-Visier sowie mit Gummikappe statt Schulterstütze und Kugelring am Rückstoßverstärker) zum Einsatz. Es bewährt sich gegenwärtig auch in den Gefechten am Hindukusch.
Ausblick
Derzeit befinden sich noch etwas über ein Zehntel der seinerzeit produzierten 139 000 MG3 im Bestand der Bundeswehr. Rheinmetall in Unterlüß und die Heeresinstandsetzungslogistik (HIL) in Sankt Wendel überholen derzeit mehrere tausend Stück des Klassikers, aber die Versorgbarkeit neigt sich dem Ende entgegen.
Bei der Suche nach Ersatz sollten einige Verbesserungsvorschläge Berücksichtigung finden: höhere Modularität, Montagemöglichkeit für optische Visierungen einschließlich Nachtsichtvorsätzen, MilSTD 1913-Schienen für weitere Anbaumodule, Mündungssignaturreduzierer, neuartiger Trageriemen und Vordergriff zur Verbesserung der derzeit unkomfortablen Pirschhaltung, klappbare Schulterstütze sowie Rohre in verschiedenen Längen, die sich ohne Schutzhandschuh wechseln lassen. Das belgische Traditionsunternehmen FN Herstal kann hier mit modernisierten Varianten seines vielfach bewährten Klassikers, des von Ernest Vervier in den 1950er Jahren entwickelten Mitrailleuse d'Appui Général (MAG; Universalmaschinengewehr) aufwarten. Die Oberndorfer Waffenschmiede Heckler & Koch hat sein neues HK121 weiter vorangebracht, das die oben beschriebenen Merkmale erfüllt. Weiterhin zeichnet es sich durch identische Bedienbarkeit zum bereits in der Bundeswehr genutzten MG4 aus. Abgesehen davon bietet Rheinmetall in Zusammenarbeit mit der Tactcics Group eine MG3 Kampwertsteigerung MG3 KWS an.
MG3 KWS von Rheinmetall/Tactcis Group. Foto: JPW
Aber wer auch immer die Nachfolge antritt: Nach 70 Jahren erfolgreichem Einsatz wird der legendäre Ruf des MG42 und seiner Nachfolgevarianten fortbestehen.

Text: Jan-Phillipp Weisswange, leicht überarbeitete Fassung des Beitrags in Europäische Sicherheit und Technik 8/2012, S. 75-76.

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